Vom Sehnenschaden zurück ins Reitpferdeleben
Egons Geschichte
Ein Fallbericht über Vertrauen, Geduld und den langen, aber lohnenden Weg zurück

Es gibt Momente, in denen man als Pferdemensch innehält und denkt: Schaffen wir das wirklich?
Für Katharina kam dieser Moment im Frühjahr 2025. Ihr 19-jähriger Holsteiner Egon hatte hinter sich, was für viele Pferde das Karriereende bedeutet: gleich vier Sehnenschäden an den Vorderbeinen (Fesselträger und Unterstützungsband der tiefen Beugesehne), dazu eine Hüftgelenksarthrose und eine Bewegungsgeschichte, die Spuren hinterlassen hatte. Sie hatten bereits einmal den Versuch des Antrainierens gestartet, doch die Sehnen des Pferdes waren noch nicht belastbar. Und doch wollten die beiden nicht aufgeben. Sie wollten weitermachen, aber diesmal richtig.

Der Ausgangspunkt: Verletzung, Kompensation und ein Pferd am Limit
Als Katharina und Egon zu mir kamen, war die Ausgangslage komplex. Egon hatte in den vorangegangenen drei Jahren zwei Fesselträgerschäden und einen Unterstützungsbandschaden erlitten. Hinzu kam eine Hüftgelenksarthrose auf der rechten Seite, die ihn zunehmend in der Hinterhand einschränkte. Er stolperte vermehrt, rollte über die Hufspitze ab und zeigte verkürzte Tritte. All das sind klassische Zeichen einer kompensatorischen Schutzspannung und mangelnder Tragkraft. Erst wenn man es schafft, aus diesem Teufelskreis der Überlastung auszubrechen, beginnt der Heilungsprozess und die Sehnenfasern werden nachhaltig stabil.
Reha bedeutet jedoch selten nur die Arbeit am Pferd. Natürlich spielen grundlegende Dinge wie viel Schritt auf hartem Boden, Fesselgelenksgamaschen zum Schutz der Sehnen beim Training, osteopathische Behandlungen und ein kontrolliertes Bewegungsprogramm eine große Rolle, ein ganz entscheidender Punkt für eine erfolgreiche Reha ist aber immer die Arbeit mit dem zugehörigen Pferdemenschen. Katharina war zu dem Zeitpunkt eine engagierte und liebevolle Reiterin, die aber gelernt hatte, mit viel Zügel, Gerte und Sporen zu arbeiten, weil Egon nie wirklich aus der Hinterhand vorwärts gelaufen war. Echte Versammlung z.B. hatten die beiden nie erlebt. Gerade das Reiten mit viel Zügeleinsatz ist eine der häufigsten Ursachen für Sehnenschäden. Die Arbeit vom Boden war für beide außerdem komplettes Neuland. So durfte Katharina zunächst viel über ihren eigenen Körper lernen und ein ganz neues Gefühl für ihr Pferd und für das Reiten entwickeln.
Was ich in solchen Situationen immer wieder erlebe: Pferd und Reiterin kämpfen im Grunde mit denselben Mustern. Wenn der eine kompensiert, kompensiert der andere mit. Deshalb arbeite ich von Anfang an mit beiden.

Die Reha: Schritt für Schritt zurück zur Kraft ohne erneuten Sehnenschaden
Unser Ziel war klar und ambitioniert: Muskelaufbau, Tragfähigkeit wiederherstellen und gesund altern. Das Programm umfasste von Beginn an drei Säulen: Therapie, Bodenarbeit und gerittene Arbeit, immer aufeinander abgestimmt und angepasst an das, was Egon und Katharina gerade leisten konnten.
In den ersten Wochen standen lösende Übungen im Mittelpunkt: Faszientherapie an Schulter, Unterhals und Kruppe, kombiniert mit Bewegungstherapie. Geritten wurde hauptsächlich im Schritt, mit fünf Minuten Trab je Hand. Wichtiger als die Trabminuten war dabei etwas anderes: Katharina lernte, die Zügel loszulassen, den Hals lang zu lassen und aus dem Gleichgewicht heraus zu reiten, statt über die Hand zu kontrollieren. Außerdem sollte sie nun immer vor und nach der Arbeit die Sehnen abtasten, um frühzeitig zu erkennen, wenn sich wieder etwas verschlechtern sollte.
In den Folgemonaten wurde das Trainingsprogramm systematisch aufgebaut und erweitert. Rumpfträgertraining am Kappzaum kam hinzu, sowie Koordinationsarbeit an der Longe im Schritt und später im Trab. Die gerittene Arbeit wurde in Umfang und Anforderung langsam gesteigert, immer mit dem Ziel, dass Egon von hinten nach vorne arbeitet, nicht umgekehrt. Parallel entwickelte Katharina Schritt für Schritt einen selbstständigeren Sitz. Sie lernte mit dem Drehsitz zu reiten, Gewichtshilfen zu geben und ruhige Hände und Beine zu entwickeln. Der Zügel wurde, wie ich es gerne nenne, mehr und mehr zur Dekoration.
Ende November 2025 bestätigte der Tierarzt beim Ultraschall: Alle Sehnen sind stabil, Narbengewebe ist zwar vorhanden, aber nichts Akutes. „Wir sollen weitermachen", war die Botschaft. Ein großer Erfolg, den wir uns gemeinsam erarbeitet hatten.

Rückschläge gehören dazu – und wie wir damit umgehen
Eine Reha verläuft selten geradlinig. Das war bei Egon nicht anders.
Im Dezember 2025 wurde die gesamte rechte Seite in Folge einer Impfreaktion steif. Auch das rechte Bein zeigte eine deutliche Schwellung und vermehrte Wärme. Wir entschieden uns für eine kurze Trainingspause mit vermehrter lösender Faszientherapie und entsprechend angepasster Bewegung. Als die Entzündung abgeklungen war, folgte ein behutsamer Wiedereinstieg. Und dann, Ende Januar 2026, der nächste Schreck: Egon lahmte plötzlich vorne rechts, das Bein war immer wieder dick und flüssigkeitsgefüllt. Sehnen? Röntgen? Fissur im Hufbein? Die Befunde und das Ausmaß der Verletzung blieben zunächst unklar, die Sorge war groß. Egon zeigte weder eine deutliche Schmerzreaktion bei Druck auf das Sehnengewebe, noch lieferte die Ultraschallkontrolle in die verletzte Sehne eine Diagnose. Auch die Röntgenbilder waren unauffällig. Wir entschieden uns also für sechs Wochen Trainingspause und ruhige Schritt-Bewegung. Die Lahmheit verschwand, doch die Ursache blieb ungeklärt. Erst Wochen später lieferte der Hufschmied beim Ausschneiden die Auflösung: Eine Einblutung in der Zehe, also ein blauer Fleck im Huf. Egon hatte sich gestoßen, vergleichbar mit einem eingeklemmten Finger. Eine solche Verletzung beim Pferd ist äußerst schmerzhaft und man kann leider nicht viel tun, außer abzuwarten. Die Erleichterung war aber dennoch riesig.
Diese Phase zeigt, was mir in der Rehabegleitung wichtig ist: Ruhe bewahren, systematisch vorgehen und nicht in Panik verfallen. Nicht jede Schwellung ist ein neuer Schaden. Nicht jede Pause ist ein Rückschritt. Manchmal ist sie genau das Richtige. Wenn man dem Gewebe genügend Zeit gibt, heilen die Kollagenfasern der Sehnen und Bänder zuverlässig und erneute Verletzungen in diesem Bereich werden sehr unwahrscheinlich.

Wo Egon und Katharina heute stehen
Heute, einige Monate nach dem offiziellen Ende des Reha-Programms, trainieren Katharina und Egon fleißig weiter, nun im Rahmen des Präventionstrainings. Der Galopp, der zu Beginn bergab und unsicher war, ist heute kraftvoll und kontrolliert. Die Seitengänge werden über Gewicht und den Drehsitz geritten. Die Zügel liegen locker.
Ob die beiden jemals wieder bei einem Turnier starten werden, ist offen. Was zählt: Beide haben ein neues Körpergefühl entwickelt. Katharina reitet mit mehr Gespür und weniger Kontrolle. Egon trägt sich besser, läuft aus der Hinterhand und wirkt, trotz seiner mittlerweile 20 Jahre, lebendiger und kräftiger als je zuvor.
Ich begleite die beiden weiterhin im Präventionstraining, damit ein erneuter Sehnenschaden die unwahrscheinlichste aller Möglichkeiten bleibt.
Du möchtest dein Pferd nach einer Sehnenverletzung wieder antrainieren?
Jede Reha ist so individuell wie das Pferd und der Mensch, der sie begleitet. Was Egons Geschichte zeigt: Mit dem richtigen Plan, ehrlicher Bestandsaufnahme und der Bereitschaft, auch an sich selbst als Reiterin zu arbeiten, ist erstaunlich viel möglich.
Wenn du Fragen zu meiner Arbeit hast oder dein Pferd gerade vor einer ähnlichen Herausforderung steht, freue ich mich über deine Nachricht. Dabei ist es egal, ob ihr gerade frische Sehnenverletzungen erlitten, oder einen chronischen Befund habt. Gemeinsam schauen wir, welcher Weg für euch der richtige ist.
Kontaktiere mich gerne für ein unverbindliches Erstgespräch und erzähle mir eure Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Wie lange dauert der Heilungsprozess bei einem Sehnenschaden beim Pferd?
Der Heilungsprozess eines Sehnenschadens beim Pferd ist ein sehr langwieriger Prozess. In der Regel verordnet der Tierarzt in den ersten drei Monaten Boxenruhe. Hierbei ist wichtig, dass das Pferd trotzdem kontrollierte Bewegung im Schritt auf hartem Boden bekommt. Am besten eignen sich dabei tägliche Spaziergänge von 30 bis 60 Minuten auf der Straße. Je nach Schwere der Verletzung beträgt die Heilungsdauer, in der das Pferd nicht belastet werden darf, sechs bis 18 Monate. Belastest du dein Pferd zu früh wieder, ist ein Rückfall und ein erneuter Sehnenschaden sehr wahrscheinlich. Sobald dein Pferd wieder belastet werden darf, heißt das für dich: langsame Aufbauarbeit im Schritt für mindestens 3 Monate bevor das erste Mal an Trab gedacht werden kann. Die nächsten 6 Monate solltest du weiterhin in kontrollierter Schrittarbeit die Muskulatur stärken und nur wenig Trabarbeit dazu nehmen. Bis du das erste Mal wieder galoppieren solltest, vergehen in der Regel mindestens 9 Monate ab Trainingsstart.
Kann man ein Pferd mit Sehnenschaden noch reiten?
Ein Pferd mit einem akuten Sehnenschaden darf nicht geritten oder anderweitig belastet werden. Nach einer erfolgreichen Behandlung von Sehnenverletzungen, langsamem Antrainieren und dem damit verbundenen Stärken des schlecht durchbluteten und somit langsam heilenden Sehnenapparates steht dem Reiten grundsätzlich nichts im Weg. Denke aber immer daran, dass die Sehnen und Bänder weniger elastisch sein können als vor dem Schaden, vor allem wenn sich Narbengewebe gebildet hat. Ob das Pferd so belastbar sein wird wie vor dem Schaden, ist in jedem Fall eine individuelle Frage.
Wie fühlt sich ein Sehnenschaden beim Pferd an?
Hierfür solltest du erst einmal verstehen, wie sich eine gesunde Sehne anfühlt. Sehnen sind kollagenhaltiges Bindegewebe. Die Fasern liegen dicht beieinander, ähnlich wie Spaghetti in einer Packung und werden auf Zug ausgerichtet. Eine Sehne fühlt sich daher wie ein sehr straffes Seil an. Tastest den den Fesselträger ab, fühlt es sich an wie ein kleines Drahtseil. Wenn sich die Sehnen beim Pferd irgendwann nicht mehr straff anfühlen, solltest du bereits Vorsicht walten lassen und gegebenenfalls dein Training anpassen, um einem möglichen Sehnenschaden vorzubeugen. Ein Sehnenschaden beginnt meist damit, dass sich die Sehnen etwas schwammiger anfühlen, als wäre Flüssigkeit im Gewebe. Wenn das Pferd auf leichten Druck bereits Abwehrverhalten zeigt, weißt du, dass die Sehne zumindest bereits gereizt oder entzündet ist. Therapeuten testen daher immer über Provokation des Sehnengewebes, ob ein Pferd dort schmerzempfindlich ist. Ein Tierarzt kann mittels Ultraschall einen Schaden diagnostizieren. Aber Achtung: Nur weil im Ultraschall kein Schaden erkennbar ist, heißt es nicht, dass keiner da ist. Eine Reizung oder Entzündung kann bei weiterer Fehlbelastung schnell zu einem Schaden werden.